Agathe Lasch-Gastwissenschaftlerin Prof. Dr. Cordula Grewe
17. Februar 2026, von Dr. Anke Napp

Foto: Cordula Grewe
Professorin Cordula Grewe kommt als Agathe-Lasch-Gastwissenschaftlerin ans Kunstgeschichtliche Seminar der Hamburger Universität
Es ist uns eine große Freude, dieses Sommersemester Prof. Dr. Cordula Grewe von der Indiana University Bloomington als Agathe Lasch-Gastwissenschaftlerin begrüßen zu dürfen. Mit Cordula Grewe bringt die von der Stabsstelle geförderte Gastprofessur eine der international führenden Wissenschaftlerinnen der europäischen Moderne nach Hamburg. Bekannt für ihre Arbeiten zur Romantik, religiösen Erweckung und „Papierkultur” des „langen“ 19. Jahrhunderts, hat Cordula Grewe intensiv über Wort-Bild-Beziehungen und visuelle Frömmigkeit, über Kunstkritik, Kunsttheorie und Ästhetik sowie die politische Funktion von Kunst publiziert. In den letzten Jahren hat Cordula Grewe ihre Forschung auf Fragen des 20. und 21. Jahrhunderts ausgedehnt; zu ihren Forschungsthemen gehören Überlegungen zu einer modernen Theo-Ästhetik (von Ingres bis Michael Triegel und der Leipziger Schule), zum Körper als Medium (von Lady Emma Hamilton bis Nicki Minaj) sowie zur Kunst im Dritten Reich und dessen kulturellem Erbe als Schwerpunkte. Die Arbeit an diesem prekären Erbe bildet nun auch den Rahmen für ihre Forschung in Hamburg – und zugleich das Thema ihres Seminars im Sommersemester 2026.
Cordula Grewes Erforschung der zwischen 1933 und 1945 produzierten Artefakte verfolgt als übergeordnetes Ziel den Entwurf eines differenzierten Interpretationsmodells, das nicht den kunstgeschichtlichen Dialog fördern soll, sondern auch über Rahmenbedingungen für eine Präsentation dieses problematischen Materials nachdenkt, insbesondere mit Blick auf kuratorische Strategien. Dies macht ein Nachdenken über das Nachleben und die anhaltende kulturelle Kraft nationalsozialistischer Kunst unabdingbar, wozu auch deren Aneignung in zeitgenössischen Medien gehört. Diese zeitgenössische Appropriation faschistischer Bildkultur steht im Zentrum von Cordula Grewes aktuellem Projekt über Antisemitismus und „Nazisploitation“ (der plakativen Wiederverwertung von Nazi-Bildmaterial) in der heutigen Populärkultur. Im Mittelpunkt steht dabei das animierte „lyrische“ Video zu dem 2014 Track „Only“ by Nicki Minaj, die bereits in Cordula Grewes vor Kurzem fertiggestelltem Buchmanuskript (under review), Performing Identity: Gender, Class, and Race from Lady Emma Hamilton to Nicki Minaj.
Das Video inszeniert Minaj als Galionsfigur eines namenlosen Totalitarismus: Flankiert von Drake, Lil Wayne und Chris Brown als hochrangigen Offiziere herrscht sie – als eine Art Junta-Dominatrix in hautengem schwarzem Leder-Catsuit – über eine schier endlos erscheinende Armee gesichtsloser Soldaten. Die Bildkomposition reduziert die Dargestellten zu archetypischen Figuren von Macht und Autorität, während die anonyme Masse eine totalitäre Mobilität jenseits individueller Subjektivität suggeriert. Die so entstehenden Bilder evozieren nicht nur die militärische Dominanz ihrer Protagonisten, sondern aktivieren auch ikonographische Erinnerungen an autokratische Herrschaftsformen bis hin zur Figur des „Führers“.
Formal bezieht die Animation ihre Kraft aus einem Neo-Noir-Vokabular, das an die Graphic Novels der 1980er Jahre und deren drastische Schwarz-Weiß-Rot-Ästhetik erinnert. Diese reduzierte Palette, die Frank Miller’s Sin City so populär machte, verstärkt die dystopische Lesbarkeit der Bilder. Zugleich arbeitet das Video explizit mit Motiven, die an SS-Ikonografie, nationalsozialistische Propaganda und das filmische Register Leni Riefenstahls anschließen. Die gestalterische Zuspitzung des Young-Money-Logos zur römischen Ziffer III erzeugt eine formale Nähe zum Symbol des Hakenkreuzes – eine Assoziation, die visuell ebenso eindrücklich wie historisch und emotional verstörend ist. Insgesamt wirkt „Only“ wie ein postmoderner Triumph des Willens, der zum Triumph des Strebens nach Macht, Dominanz und Kontrolle geworden ist. Wesentlich ist, dass die Provokation hier nicht nur ikonografisch stattfindet, sondern auch performativ: Rhetorik, Timing und Tonfall konstruieren eine Inszenierung, die – unabhängig von intentionalem Kalkül – alarmierende historische Resonanzen aktiviert.
Cordula Grewe nimmt diese Befunde auf und entwickelt in ihrem Text „From Harajuku Barbie to SS Action Heroine: Nicki Minaj’s Self-Fashioning“ das Modell einer emancipatory toxicity. Minajs Video wird zum analytischen Knotenpunkt, um Spannungsfelder heutiger Kulturproduktion an der Schnittstelle von Rasse, Macht und Repräsentation auszuloten. Es geht um Ambivalenzen: um die historisch komplexen, von Solidarität wie Spannungen geprägten Beziehungen zwischen schwarzen und jüdischen communities in den USA; um die Möglichkeit einer Gleichzeitigkeit von Selbstermächtigung und Ausgrenzung, von Selbstfindung und problematischer Symbolpolitik; und um die beunruhigende Renaissance von Nazisploitation in der Gegenwartspopkultur. Minaj selbst verkörpert solche Ambivalenz.
Als einflussreiche femcee hat sie die Sichtbarkeit, Handlungsfähigkeit und kreative Autonomie Schwarzer Frauen global erweitert. Gleichzeitig jedoch haben ihre über soziale Medien verbreiteten Verschwörungserzählungen – etwa zur COVID-19-Impfung – und ihre politische Nähe zu MAGA-Positionen ihr öffentliches Ansehen polarisiert und ihre Glaubwürdigkeit in weiten Kreisen unterminiert. Diese ambivalente Position verschärft die Deutung des 2014 freigeschalteten Videos: Ästhetische Provokation trifft auf reale politische Verwundbarkeiten und verschiebt die Wirkung von Repräsentation in den Bereich gesellschaftlicher Verantwortung. Die Kooperation mit Ye (ehemals Kanye West), dessen antisemitische Äußerungen breite Empörung hervorgerufen haben, verleiht der Bildpolitik von „Only“ weitere Brisanz. Vor dem Hintergrund eines wiedererstarkenden Antisemitismus in Teilen der Musikindustrie und des wachsenden Widerstands gegen Diversity- und Inklusionsinitiativen (DEI) wird deutlich: Emanzipatorische Gesten lassen sich nicht automatisch als fortschrittlich lesen, wenn sie zugleich Symboliken und Affekte reproduzieren, die Ausschluss fördern.
Cordula Grewes Konzept einer emancipatory toxicity bietet hier einen produktiven analytischen Rahmen: Es benennt jene Konstellation, in der Befreiungsrhetoriken und identitätspolitische Performances mit Ressentiment, Exklusion oder autoritären Bildpolitiken koexistieren. Die Aufgabe besteht nun darin, diese Koexistenz zu präzisieren und kunsttheoretisch zu durchdringen — und zwar ohne die politisch-ästhetischen Errungenschaften Schwarzer Popkultur zu trivialisieren, aber eben auch ohne historische Blindheiten zu dulden. Keine leichte Gratwanderung.
Der von Prof. Dr. Iris Wenderholm ausgerichtete Gastaufenthalt dient dabei nicht nur dem akademischen Wissenschaftsaustausch. Auf einer bereits 2025 durch ein Primary Partner Faculty Grant der Indiana University Bloomington (verliehen vom Office of the Vice President for International Affairs) geförderten Kollaboration aufbauend, zielt er vielmehr auf eine dauerhafte Zusammenarbeit der kunsthistorischen Institute der Indiana University Bloomington und der Universität Hamburg ab. Für Cordula Grewe ist es eine große Ehre, diese Arbeit unter der Schirmherrschaft von Agathe Lasch (1879–1942) fortzusetzen —Deutschlands erster Germanistikprofessorin und der ersten Frau, die von der Hamburgischen Universität auf eine Professur berufen wurde. 1942 von den Nazis ermordet, verkörpert Agathe Lasch bis heute ein Vorbild an Mut und intellektueller Rigorisität. Inspiriert von ihrem Vermächtnis, sieht sich Cordula Grewe dem Aufruf dieser akademischen Revolutionärin verpflichtet, dass es die Aufgabe der Wissenschaft sei, „veraltete […] Ansichten … einzureißen“.
English Version
Professor Cordula Grewe joins us as Agathe Lasch Visiting Scholar
We are delighted to welcome Professor Cordula Grewe as Agathe Lasch Visiting Scholar, sponsored by the university’s Equity Unit, from January 1 to June 30, 2026. Professor Grewe is a leading scholar of modern European art, with particular strengths in visual piety, word–image relations, aesthetics, and the political life of art. Known for her work on Romanticism, print culture, and religious revivalism, Grewe now turns to twentieth- and twenty-first-century questions, including modern theo-aesthetics (Ingres to the Leipzig School), the body as medium (Lady Emma Hamilton to Nicki Minaj) and Art in the Third Reich and its Legacy. The work on that legacy now frames her research in Hamburg and, in turn, provides the topic for her summer-semester seminar.
Grewe’s engagement with art in the so-called Third Reich is guided by a larger scholarly aim: to develop a nuanced critical framework for discussing and exhibiting art produced under National Socialism—one that also confronts its afterlives, enduring cultural force, and appropriation in contemporary media. This reuse is the subject of her current article on antisemitism and ‘Nazisploitation’—the sensational recycling of Nazi imagery—in popular culture. At the center is Nicki Minaj, whose performances of identity also animate Grewe’s book manuscript, Performing Identity: Gender, Class, and Race from Lady Emma Hamilton to Nicki Minaj, currently under review. The animated “lyric” video for Minaj’s track “Only” offers a potent lens on the problematic resonance of Nazi visual culture.
The 2014 video stages Minaj as the supreme leader of an unnamed totalitarian regime. Clad in black leather, she presides over ranks of faceless soldiers, her militarized authority reinforced by cameos of Drake, Lil Wayne, and Chris Brown as high-ranking officers. Drawing on graphic-novel aesthetics, the stark palette of red, black, and white evokes the dystopian idiom of Sin City, while echoing Nazi propaganda, SS iconography, and Leni Riefenstahl’s cinematic lexicon. When Minaj recasts the logo of her label Young Money as a stylized Roman numeral III, the mark edges uncomfortably close to the swastika’s visual logic. The result reads as a postmodern Triumph of the Will—a bid for power, dominance, and control unsettling in its rhetoric, and deeply controversial in its timing and tone. Grewe’s article, tentatively titled “From Harajuku Barbie to SS Action Heroine: Nicki Minaj’s Self-Fashioning,” takes this video as a critical flashpoint to shed light on the intersection of race, power, and representation and its discontents. It invites reflection on Black cultural production; on the long, complicated dynamics between Black and Jewish communities (marked by both solidarity and strain); and on the troubling reemergence of Nazisploitation in contemporary popular culture. While Minaj has helped reshape how Black women claim space, agency, and visibility on a global stage, she has also courted controversy—from anti-vaccine rhetoric and conspiracy theories to collaborations with Ye (formerly Kanye West), whose antisemitic outbursts have drawn widespread criticism. Against the backdrop of rising antisemitism in parts of the music industry and a mounting backlash against diversity, equity and inclusion (DEI) initiatives, Grewe tentatively proposes the concept of “emancipatory toxicity” to describe the uneasy conditions of performing identity at a moment when liberation and harm so often share the same stage.
Hosted by Professor Dr. Iris Wenderholm, Grewe’s visit is more than an academic exchange. Building on a 2025 collaboration supported by IU’s Office of the Vice President for International Affairs through a Primary Partner Faculty Grant, the visit seeks to advance a durable partnership between the art history departments at Indiana University Bloomington and the University of Hamburg. Professor Grewe is honored to pursue this work under the auspices of Agathe Lasch (1879–1942), a pioneering scholar and the first female professor of German studies in the German lands. Murdered by the Nazis in 1942, Lasch remains a touchstone of courage and intellectual rigor in German academia. Inspired by her legacy, Grewe takes up Lasch’s 1921 injunction to “tear down outdated […] views.”

